Marktübersicht Headless CMS

Headless Content Management Systeme sind ein viel beschworener Trend. Aber wofür eignen sich Headless CMS und welche Systeme gibt es auf dem Markt? Eine Einführung mit Markt-Überblick und Anwendungs-Beispielen.

Händchen haltendes Paar illustriert die Verbindung von Datenbank und Darstellung per API
Headless CMS und Decoupled CMS, Photo @freestock auf unsplash

Wer mit der Headless Architektur bereits vertraut ist und die Anwendungsszenarien kennt, der kann auch direkt zum Markt-Überblick über die Headless CMS springen.

#Wie ein Headless CMS funktioniert

Headless CMS werden meist in Kontrast zu einem traditionellen oder "monolithischen" Content Management System verwendet. Aus Autoren-Sicht kann man den Unterschied schnell erklären: Während ein Autor mit einem traditionellen Web-CMS wie WordPress in erster Linie einen Web-Auftritt erstellt und pflegt, kann der Autor mit einem Headless CMS erst einmal keine Webseite erstellen, sondern lediglich Inhalte erstellen und pflegen. Die Inhalte können dann zwar über eine Schnittstelle (Application Programming Interface, kurz API) abgerufen und zum Beispiel für eine Webseite genutzt werden. Diese Webseite muss jedoch unabhängig vom Headless CMS von einem Entwickler erstellt werden.

Ein Headless CMS ist also ein reines Content-Verwaltungs-System. Es bietet erst einmal keine integrierte Möglichkeit, eine Webseite zu erstellen oder allgemein den verwalteten Content anzuzeigen. Das hat für Autoren noch weitere Implikationen: Da die Inhalte bei einem Headless-CMS unabhängig von deren Verwendung erstellt werden, arbeiten Autoren bei Headless Content Management Systemen fast ausschließlich mit Formularen. Ein visuelles Arbeiten in Form des verbreiteten Incontent-Editings ist bei Headless-Systemen in den meisten Fällen unbekannt, eben weil die Darstellung der Inhalte bei einem Headless-CMS bewusst ausgeklammert wird. Auch die schnelle Erstellung einer Micro-Site ist nach dieser Logik erst einmal nicht vorgesehen und nur bei vereinzelten Systemen als Zusatz-Feature möglich.

Screenshot Autorenoberfläche bei dem Headless CMS Directus
Typische Autoren-Oberfläche eines Headless-CMS (in diesem Fall Directus CMS)

Aber was kann man mit einem Content Management System anfangen, bei dem die Webseite und damit das End-Produkt fehlt? Die Vorteile einer solchen Architektur liegen für einen Redakteur oder Marketing-Verantwortlichen nicht unbedingt auf der Hand. Greifbar werden die Vorteile erst in bestimmten Szenarien, beispielsweise im Kontext des Multi-Channel-Marketings. Denn dann werden die Inhalte in ganz unterschiedlicher Form genutzt, beispielsweise für eine Webseite, für eine Mobile-App, für einen Konferenz-Display oder beispielsweise als Datenquelle für einen Veranstaltungskalender. Würde man die Inhalte wie bei WordPress visuell für eine spezielle Webseite erarbeiten, dann wäre eine neutrale Nutzung der Inhalte deutlich schwerer.

Doch auch wenn die Vorteile einer Headless-Architektur in bestimmten Szenarien für Redakteure verständlich werden, so wird der Headless-Trend doch ganz überwiegend von Entwicklern angetrieben und weniger von den Anwendern. Das führt dazu, dass Headless-Systeme oder Headless-Services nicht selten für klassische Webseiten genutzt werden, bei denen ein Headless-CMS erst einmal keine Vorteile bietet. Um diesen Trend zu verstehen, muss man sich noch intensiver mit der Headless-Architektur auseinandersetzen und die Perspektive von Entwicklern einnehmen.

#Vorteile von Headless CMS

Headless CMS sind keine neue Entwicklung, sondern sie folgen einem Trend, bei dem einzelne Aufgaben auf separate Systeme mit klaren Zuständigkeiten aufgeteilt werden. Diese separaten Systeme werden häufig als Microservices bezeichnet. Und die Vorteile solcher Microservices sind vielfältig. Zum Beispiel:

  • Ein Microservice kann relativ einfach durch einen anderen Microservice ausgetauscht werden.
  • Ein Microservice kann auf einem separaten Server liegen und beliebig skalliert werden.
  • Ein Microservice kann separat und unabhängig gewartet und weiterentwickelt werden.
  • Ein Microservice vermindert die Komplexität, die Abhängigkeiten und Seiteneffekte innerhalb des Gesamt-Systems.

In der Welt der Content Management Systeme hat die Entstehung unterschiedlicher Endgeräte zu einem Umdenken geführt. Die Darstellung auf einer Webseite tritt zunehmend in den Hintergrund zugunsten anderer Geräte wie Mobile Apps, Smartwatches, Konferenz-Displays oder auch Voice-Anwendungen. Ähnlich wie bei den Microservices sollen sich die Content Management Systeme daher auf das reine Content Management beschränken und die Verwendung der Inhalte Drittsystemen überlassen. Auch die Vorteile klingen ähnlich wie bei den Microservices:

  • Beliebige Verwendung: Das CMS macht keine Vorgaben für die Verwendung der Inhalte mehr, jeder beliebige Kanal und jedes beliebige Gerät können bedient werden, was insbesondere beim Multi-Channel-Marketing viele Vorteile bringt.
  • Verringerung der Komplexität: Das Headless CMS ist auf die Content-Verwaltung spezialisiert und ein separates Produkt ohne Seiteneffekte auf andere Produkte oder Funktionen.
  • Best of Breed: Für andere Funktionen wie die Darstellung, die Personalisierung, das Targeting etc. können jeweils die besten Dritt-Lösungen verwendet werden.
  • Leicht skallierbar: Bei Bedarf können individuell nur für die Content-Verwaltung größere oder mehr Server verwendet werden.
  • Sprach-agnostisch: Die Programmier-Sprache des Headless-CMS spielt keine Rolle mehr, da die APIs mit jeder beliebigen Sprache angesprochen werden können.
  • Frontend-freundlich: Da mit APIs gearbeitet wird, können vorne beliebige Technologien wie Static Site Generatoren oder Frontend-Frameworks wie Vue, React oder Angular verwendet werden. In diesem Zusammenhang fällt häufig der Begriff des modernen JAMstack (Entwicklung mit JavaScript, APIs und HTML-Markup).
  • Keine Content-Migrationen: Ein lästiges Thema, das bei einem Headless CMS weitestgehend wegfällt. Wenn vorne ein System für die Generierung der Webseiten geändert wird, kann hinten die Content-Verwaltung bestehen bleiben.

In der Entwickler-Gemeinde haben diese Vorteile ein enormes Gewicht, sodass der Headless-Trend eine sehr starke Sog-Wirkung entfaltet hat. Vor allem der explosionsartige Aufstieg moderner Frontend-Technologien mit Frameworks wie React, Vue und Angular sorgen für einen Umschwung, denn diese Frameworks arbeiten perfekt mit APIs zusammen. Ein weiterer Aspekt ist der Trend hin zur statischen Webseite mit Hilfe von Static Site Generatoren. Auch zu diesem frontend-getriebenen Trend passt die Headless-Architektur sehr gut. Kurz: Für Entwickler ist es immer am einfachsten, wenn Redakteure ihre Inhalte möglichst strukturiert über Formulare erstellen und unabhängig von der späteren Darstellung in einem separaten System pflegen. So ist immer gewährleistet, dass die Inhalte sauber strukturiert sind. Gleichzeitig ist der Entwickler unabhängig von der Technologie des CMS. Er kann das Frontend (z.B. die Webseite oder die Mobile App) mit seiner Lieblings-Technologie erstellen und die Inhalte einfach wie eine Datenquelle anzapfen und nutzen.

#Nachteile von Headless CMS

Redakteure und Marketing-Verantwortliche haben in der Regel nicht das technische Verständnis, um die Vorteile und Nachteile einer solchen Architektur für sich abzuwägen. Und Entwickler, die von der Headless-Architektur überzeugt sind, werden ihnen die Nachteile nicht immer offenherzig servieren. Daher ist es um so wichtiger, mögliche Nachteile von Headless-Systemen zu verstehen. Nachteile können zum Beispiel sein:

  • Formular-basiertes Arbeiten: Da das Headless CMS nur Content ausliefert, aber keine Funktionen für die Content-Darstellung bietet, fällt in aller Regel auch das beliebte Incontent-Editing weg (wobei es Ausnahmen gibt). Stattdessen arbeitet der Redakteur überwiegend mit Formularen und hat kaum noch Einfluss auf die Gestaltung und das Aussehen einer Webseite.
  • Navigations-Strukturen: Die fehlenden Gestaltungsmöglichkeiten betreffen zum Beispiel auch die Navigations-Struktur. Bei traditionellen Systemen kann man die Navigation oft unabhängig von der Content-Struktur definieren. Auch Menü-Builder sind beliebte Features. All das fällt bei Headless-Systemen aus den genannten Gründen in der Regel weg.
  • Microsites: Auch die sehr komfortable Möglichkeit, in Eigenregie schnelle Microsites für das Marketing zu erstellen, fällt vielfach weg, denn auch Microsites müssen bei einem Headless CMS in der Regel von einem Entwickler erstellt werden.
  • Personalisierung: Ein streitbares Thema, denn einige Verfechter der Headless-Architektur argumentieren, dass nun endlich die besten Personalisierungs-Strategien umgesetzt werden können. Allerdings funktioniert auch das wieder nur über Dritt-Systeme oder Individual-Lösungen, die erst aufwändig implementiert werden müssen. Viele klassische Enterprise-CMS und DXPs haben dagegen schon ausgereifte Personalisierungs-Funktionen integriert. Gleiches könnte man über andere Features sagen, die in Enterprise-Systemen oft integriert sind.

Man kann diese Liste beliebig weiterführen. Sie endet in der Regel immer mit der Erkenntnis, dass ein Headless-CMS auf den Kern der Inhalts-Verwaltung reduziert ist und nicht Out-Of-The-Box funktioniert. Damit erhöht sich automatisch die Abhängigkeit von Entwicklern, IT-Abteilungen oder externen Dienstleistern. Hinzu kommt in vielen Fällen die Abhängigkeit von externen Headless-Anbietern, denn die meisten neuen Headless-CMS sind Cloud CMS und SaaS-Angebote, es gibt nur wenige On-Premise-Lösungen.

#Einsatzfelder und Alternativen

Wenn es also in erster Linie um eine einzelne Webseite geht oder wenn die Redakteure und Marketing-Verantwortlichen hohe Gestaltungsspielräume gewohnt sind und überwiegend visuell arbeiten, dann kann die Umstellung auf ein Headless-System zu großer Ernüchterung führen und auch die Produktivität der Redakteure gefährden. Man sollte die Entscheidung daher nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Umgekehrt gibt es jedoch auch viele passende Einsatzszenarien. Grundsätzlich passen Headless-Architekturen überall dort besonders gut, wo Inhalte ohnehin sehr strukturiert erfasst werden. Klassische Beispiele sind Produkt-Beschreibungen, Veranstaltungskalender und ähnliche Content-Typen. Grundsätzlich dürften sich auch professionelle Publishing-Produkte wie Magazine, Online-Zeitungen oder Blogs gut eignen, denn anders als Marketing-Verantwortliche in Unternehmen kümmern sich klassische Redakteure und Journalisten in der Regel nicht um die individuelle Gestaltung eines Web-Auftritts, sondern konzentrieren sich ausschließlich auf ihre Inhalte. In solchen Fällen ist die Umstellung auf ein Headless-CMS auf jeden Fall eine Überlegung wert.

Allerdings sind reine Headless-CMS nicht die einzige Möglichkeit, denn die traditionellen Content Management Systeme haben längst auf den Headless-Trend reagiert und bieten inzwischen fasst durchgehend alternative Features oder sogar Produkt-Varianten für eine Headless-Architektur an. Sie werden häufig als Hybrid-CMS bezeichnet. Auch die Bezeichnung als Decoupled CMS ist geläufig. Wohl auch aus Marketing-Gründen sprechen jedoch inzwischen auch die traditionellen CMS-Anbieter bei ihren Produkten von Headless.

#Markt-Überblick: Originäre Headless CMS

Da Headless Content Management Systeme für viele Anwendungsfälle sehr nützlich sind, gibt es bereits einen recht großen Markt, der derzeit stark wächst. Die Angebote sind allerdings extrem unterschiedlich, angefangen von ausgewachsenen Unternehmen mit einer langjährigen Geschichte bis hin zum kleinen Service, den ein Entwickler eher nebenher betreibt. In dieser Liste werden die wichtigsten originären Headless CMS vorgestellt. Die Listen erheben keinen Anspruch an Vollständigkeit, werden jedoch regelmäßig aktualisiert.

name Typ Review
ButterCMS SaaS /
CoudCMS SaaS / optional On-Premise /
Cockpit Self-Hosted/Open-Source Review Cockpit
Comfortable SaaS /
Contentful SaaS /
Contentstack SaaS /
CosmicJS SaaS /
Directus SaaS und Self-Hosted Review Directus
GatherContent SaaS /
Gentics Mesh Self-Hosted/Open Source /
Graph CMS SaaS /
Prime Self-Hosted/Open-Source /
Prismic SaaS /
Sanity.io SaaS (Datenbank) / On-Premise (Editor/Studio) /
Scrivito SaaS /
Squidex.io SaaS und Self-Hosted /
Storyblok SaaS /
Strapi Self-Hosted /
Superdesk Self-Hosted /
TakeShape SaaS /
Zesty.io SaaS /

Bei der Entscheidung für ein neues CMS sollte man sich also nicht zu sehr von aktuellen Trends leiten lassen, sondern eine gewissenhafte Analyse der eigenen Situation durchführen. Wer bei der Analyse auf externe Unterstützung zurückgreifen möchte, findet beispielsweise bei unserem Kooperationspartner SUTSCHE kompetente Hilfe. SUTSCHE bietet keine Integration an, sondern konzentriert sich auf die unabhängige Hersteller-neutrale Beratung. Zu den etwa 50 Systemen, die SUTSCHE regelmäßig evaluiert, zählen auch die relevanten Headless-CMS.

#Kurzbeschreibungen der Headless-CMS

Die Ausrichtung der Headless-CMS sind ähnlich wie die traditionellen Content Management Systeme ausgesprochen unterschiedlich: Es gibt kleine selbstgehostete Hobby-Projekte bis hin zu ausgereiften SaaS-Angeboten, die sich für das Enterprise-Umfeld eignen. Auch der Standord der SaaS-Angebote dürfte nicht unrelevant sein, wenn es im Unternehmensumfeld um Themen wie Datenschutz und Compliance geht. Mit den folgenden Kurz-Charakterisierungen der Angebote soll die Vorauswahl etwas erleichtert werden.

#ButterCMS

ButterCMS ist ein reines SaaS-Angebot und präsentiert sich vor allem als WordPress-Alternative für einfache Blogs. Butter bietet eine REST-API an sowie SDKs für zahlreiche Programmier-Sprachen. Die REST-API bietet für Clients allerdings keine write-Endpunkte an. Der Feature-Umfang ist insgesamt allerdings eher begrenzt und auf einfache Szenarien ausgelegt. Gegründet wurde ButterCMS im Jahr 2015 von Jake Lumetta aus Chicago. Offenbar handelt es sich bis heute um ein kleines Remote-Team. Die Preise reichen von 49 Dollar bis 249 Dollar pro Monat, daneben gibt es eine Developer-Lizenz für private Seiten und eine Enterprise-Lizenz in unbekannter Höhe. Die Kundenliste ist überschaubar und enthält überwiegend kleinere amerikanische Unternehmen und Startups.

  • Seit: 2015
  • Made in: USA
  • Typ: Proprietär
  • Hosting: SaaS
  • API: REST (ohne write für clients)

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